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Samstag, 23. November 2019

Alleinerziehend sein... was ist das? Weibergewäsch und Gejammer?Besondere Gruppen


Als ich Alleinerziehend war, las ich in einer Informationszeitschrift der Kirche folgendes:

Aufgaben auf diakonischem Gebiet- Arbeit mit besonderen Gruppen:

Behinderten, Nichtsesshaften, Ausländern, Arbeitslosen, Alleinerziehenden. Diese Arbeit ist auf Fachkräfte angewiesen.

Ja, ich war ebenfalls alleinerziehend, habe aber schon vor der Scheidung die Kinder alleine erzogen. Was versteht man eigentlich darunter? Warum sieht die Kirche Alleinerziehende als besondere Gruppe an? Auch wenn der Vater der Kinder nicht bei uns wohnte, so erzog ich meine Kinder doch nicht allein. Sie wurden v. Lehrern, Kindergärtnerinnen, der Kirche, und der Gesellschaft mit erzogen. Ist das bei kompletten Familien anders? Ich liebte meine Kinder, und auch deshalb hatte ich mich von meinem Mann getrennt.
Was ich erwartete,  war mehr Aufgeschlossenheit den Problemen der Alleinerziehenden gegenüber. Um es noch mal zu betonen:  Ich fühlte mich nicht als alleinerziehend, auch nicht, als ich geschieden war.
Manchmal hätte ich die Eltern in den sogenannten „normalen Familien“ gerne gefragt: Wie seht ihr uns? Bemitleidet ihr uns? Oder sind wir als Frauen Freiwild? Dürfen wir zum Tanzen gehen, ohne dass dabei zwielichtige Fragen gestellt werden? Wie sollen wir uns verhalten? Wir sind nicht anders als Andere. Nein, wir werden zu anderen gemacht. Dadurch sind wir eine besondere Gruppe. Psychisch Kranke oder Alkoholiker sind ebenfalls eine besondere Gruppe.
Nun werden die Männer und Frauen aus den „normalen Familien“ sagen: „So war das nicht gemeint.“ Oder: „ Es geht mich nichts an, dass die geschieden sind. „
Ich aber fragte mich damals: Wie soll ich meine Kinder erziehen?
Und ich kam zu der Erkenntnis: Alleinerziehend ist der richtige Begriff.
Deprimierend? Nein, ich glaubte, hier lag ein Ansatz zur Hoffnung. Allein? Nein, man müsste sich mehr in die Öffentlichkeit begeben, mehr darüber erzählen, wer oder was wir sind. Wurden früher doch viele Frauen schon von Kind auf dazu erzogen, sich im Hintergrund zu halten? Für Mann und Kinder zu sorgen, war Bestimmung der Frau. Einige Menschen denken heute noch so. Wenn eine Frau plötzlich aus einer Ehe ausbricht, wird das nicht gerne gesehen.
Sie hatte einen netten Mann. Er ging jeden Tag zur Arbeit, und versorgte seine Familie. Er hat nicht getrunken, und seine Frau nicht geschlagen. Die öffentliche Meinung bildet also die besonderen Gruppen, und die Kirche schließt sich an? Ich wollte als Alleinerziehende nicht zum Angehörigen einer bestimmten Gruppe abgestempelt werden. Ich verlangte auch von kirchlichen Einrichtungen den uns zustehenden Respekt. Die meisten von uns hatten ihren Weg selbst gewählt. Im Gegensatz zu vielen Eltern in Normalfamilien, bei denen vom guten Einverständnis nur eine bröckelnde Fassade übrig geblieben war.  

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Rainer Seemann: Bücher, die mehr Beachtung verdienen 













 

 





Freitag, 3. August 2018

Gewalt gegen Frauen :Auszug aus meiner Biografie:Ich war noch niemals in New York




Beate war klein und dünn. Ihre aschblonden strähnigen Haare fielen ihr bis zur Schulter. Ihr Nasenrücken war flach und hatte eine kleine Delle. Sie sah ausgezehrt und unglücklich aus. Ich überlegte mir, ob die Delle wohl durch einen Schlag entstanden war. Aber ich fragte sie nicht danach. Als ich Beate kennenlernte, versuchte sie aus ihrer Ehe auszubrechen, drohte ihrem Mann mit Scheidung. Ihr Mann war Metzger. Wenn er betrunken war, verfolgte er sie mit dem Fleischermesser. Betrunken war er fast täglich. Sie lebte mit ihrem Mann und den Kindern in nahezu asozialen Verhältnissen. Wir konnten uns nur treffen, wenn Beates Mann nicht zu Hause war. Er erlaubte ihr nicht, auszugehen oder Kontakt mit anderen Frauen zu haben. Eines Abends, als Beates Mann ausging, entschlossen wir uns dazu, in einer griechischen Wirtschaft zum Essen zu gehen. Als Beate danach nach Hause kam, fand sie ihren Mann auf dem Dachboden. Er hatte sich erhängt. 
 Beate hatte Angst vor dem Alleinsein in dem Haus, in dem es geschehen war. Angst davor, dass sie ihren Kindern keine gute Mutter sein würde. Immer noch Angst vor dem Mann, der ihr das Leben zur Hölle gemacht hatte. Ich vermittelte Beate in die Gesprächsgruppe bei der Diakonie. Das half ihr, sie erzählte nach längerer Zeit, dass sie als Kind missbraucht worden war. Ich hoffte, Beate könne ihre Vergangenheit aufarbeiten. Aber sie konnte nicht darüber sprechen. Später hatte sie wieder einen Freund. Auch er trank und schlug sie. Nach einiger Zeit trennte sie sich von ihm. Ich dachte, das war ein Rückfall, aber nun hat sie sich getrennt. Sie wird es schaffen. Dem nächsten Trinker, dem sie begegnete, verfiel sie mit Haut und Haaren. Er nistete sich in ihrem Haus ein. Die Kinder nannten ihn widerwillig „Papa“, und Beate erzählte mir eifrig von einer glücklichen Beziehung. Sie ging nicht mehr mit mir aus und kam auch nicht in die Gesprächsgruppe. Eines Tages wollte sie von mir wissen, wo sie eine Arbeit bekommen könne. Ihr Freund saß zu Hause, trank und hatte keine Arbeit. Das Geld wurde knapp. Ich beschaffte ihr eine Stelle im Altenheim als Putzhilfe. Ihr Freund schien sich ein Beispiel daran zu nehmen. Kurz darauf fand auch er eine Arbeit. Natürlich musste Beate zu Hause sein, wenn er von der Arbeit kam. Wenn das nicht klappte, schlug er sie, wie Beate mir später erzählte. Trotzdem heiratete sie ihn. Ich war Trauzeugin. Am Hochzeitsabend war der neue Mann betrunken. Er blieb in der Wirtschaft, und Beate ging nach einem Streit alleine nach Hause. Danach kam sie nicht mehr pünktlich zum Arbeiten. Manchmal kam sie mit einem blauen Auge zur Arbeit und sagte, sie sei die Treppe heruntergefallen. Nach einiger Zeit gab sie die Tätigkeit als Putzfrau auf. Über längere Zeit hörte ich nichts mehr von ihr.
Eines Nachts klingelte das Telefon. „Darf ich mit den Kindern bei dir übernachten? Er schlägt mich, ich halte das nicht mehr aus“, sagte Beate. Ich nahm sie auf. Wir redeten ausgiebig über ihre Situation in dieser Nacht. Danach entschloss sich Beate, ihren Mann zu verlassen und in ein Frauenhaus zu gehen. Die Kinder kamen in Pflegefamilien.Später rief ihr Mann bei mir an. Er wollte von mir wissen, wo seine Frau sei. Ich sagte es ihm nicht. Er versuchte, mit mir anzubändeln. Ich schickte ihn weg.
Er sah, bei mir konnte er nichts erreichen. Beate war für ein paar Wochen im Frauenhaus. Dort suchten sie eine Arbeitsstelle in einem entfernten Ort, suchten eine Wohnung für sie und ihre Kinder. Ich dachte, Beate fange neu an, und wenn es ihr besser ginge, würde sie sich bei mir melden.Später rief ihr Mann bei mir an. Er sagte, Beate komme bald wieder nach Hause, es solle alles gut werden. Er werde sich bessern. Er war betrunken. Jemand aus der Gesprächsgruppe sagte mir, wo die Grenzen einer Freundschaft sind. Ich erkannte, ich konnte Beate nicht helfen. Ich musste und durfte auch an mich denken. Eine gute Freundschaft erfordert einen Austausch auf Gegenseitigkeit, der hier nicht möglich war. Die Annäherungsversuche und das Verhalten von Beates Mann ihr gegenüber hatten bei mir die Gewissheit hinterlassen, dass er seine Beziehung nicht respektierte, mit den Frauen spielte und sie als minderwertig ansah. Körperliche Überlegenheit ist kein Freibrief.
Ihren Mann fand ich viele Jahre danach auf einem Portal im Internet wieder.  Es gab dort ein kleinformatiges Foto von Beate, auf dem sie im Wohnzimmer auf der Couch saß. Winzig und unscheinbar. Fast nicht zu erkennen. Ein Abbild ihres eigenen Lebens. Der Mann hatte ein großes Porträtbild von sich eingestellt. Er teilte mir seine Telefonnummer mit. Ich solle seine Frau anrufen, hat er geschrieben. Ich tat es nicht. 

Einige Monate danach sah ich auf diesem Portal, der Mann hatte seinen Personenstand geändert und die Fotos seiner Frau gelöscht. Daneben stand eine Kontaktanzeige: Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen, in der Gegenwart leben. „Ich bin ein einsamer Witwer, 55 Jahre alt und wohne alleine in einem großen, neu renovierten Haus. Ich warte nicht gerne. Schon gar nicht auf Zufälle. Suche eine Frau, die mich so nimmt wie ich bin.“
Manchmal fragte ich mich, wie oder woran Beate gestorben war. Oder ob es ein Fehler war, sie nicht anzurufen. Aber ich wusste, ich konnte ihr nicht helfen.


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