Dienstag, 11. Oktober 2016

Was wäre, wenn es wahr wäre?

Skurile Weihnachtszeit, das neue Spendenbuch bei Bookrix. 











Meine Beiträge:

Oh du Fröhliche

Der Nörgler




Leseprobe: Oh du Fröhliche:
 



Oh du Fröhliche
Es kam morgens um acht mit einem Fahrradkurier: Ein gewöhnlich aussehendes buntes Schächtelchen, wie es in jedem Feinkostgeschäft zu erwerben ist. „Wir wünschen eine schöne Weihnachtszeit“ stand in verschnörkelten Buchstaben darauf. Doch der Inhalt sollte sich als etwas Besonderes erweisen.
Als Frau Agathe Riemenschneider das Päckchen im Empfang nahm, sagte der Fahrradkurier mit einem gefälligen Lächeln: „Es ist von Ihrer Nichte.“ Frau Agathes ohnehin säuerliches Gesicht verzog sich, die tiefen Falten auf ihrer Stirn glichen einem Spinnennetz. „Danke“, knirschte sie mit zugepressten Lippen. Sofort nahm sie das Päckchen an sich und machte die Tür zu. Die ausgestreckte Hand des Fahrradkuriers hatte sie absichtlich übersehen. Trinkgeld gab es bei ihr nicht.
Es war bald Weihnachten, jedoch daran war Agathe Riemenschneider nicht schuldig. Sie wohnte hier in ihrer kleinen Einzimmerwohnung und hielt das Geld zusammen, das ihre Nichte Christa sinnlos ausgeben wollte.
„Tante Agathe ist alt, geizig und unfreundlich“, pflegte Christa zu sagen. Jeder der Agathe kannte wusste, dass sie im Geld schwamm. Christa sollte ihr Vermögen erben. Sie war die einzige verbliebene Verwandte, seit ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen waren.
Christa war siebzehn, lebenslustig, hatte kein Geld und keine Arbeit. Als sie die Tante fragte ob sie einen klitzekleinen Teil von ihrem Erbe bekommen könne, hatte die knorrige Alte abgelehnt. „Später wirst du froh sein, dass ich dir das Geld nicht gegeben habe“, argumentierte sie.
Tante Agathe hatte keine Ahnung von Christas Lebensstil. Die monatliche Zuwendung die sie bekam, reichte vorne und hinten nicht. Es gab so viele schöne Dinge zu kaufen. Und verreisen wollte Christa auch. .Es musste demzufolge etwas geschehen. Kurt, Christas Freund, der den größten Teil seines kurzen Lebens vor dem Fernsehapparat verbracht hatte, war auch dieser Ansicht. Seine große Leidenschaft waren Kriminalfilme. Folglich schien es ihm gut zu sein, so zu handeln, wie er es jeden Tag im Fernsehen sah. „Wir machen es wie im Film, wir schicken Tante Agathe Pralinen und impfen eine davon mit Arsen. Damit schaffen wir diese senile Alte aus der Welt, und dein Vermögen gehört uns, “ sagte er. „Du bist ein Genie“, entgegnete Christa und umarmte ihn. Kurt war am Erbe seiner Freundin interessiert. Und er liebte Christa von Herzen.



 Leseprobe: Der Nörgler:



Der Beamte Joachim Feddersen führte ein wohlgeordnetes Leben. Er stand jeden Morgen um dieselbe Zeit auf, und kam immer zur selben Zeit im Büro an. Er aß um dieselbe Zeit zu Mittag, kam pünktlich um fünf Uhr aus dem Büro, und ging abends um dreiundzwanzig Uhr ins Bett. Eine Unterbrechung seines gewohnten Tagesablaufes konnte er sich nicht vorstellen. Er war verschwiegen und verschlossen wie eine Auster, hatte ein altes frostiges Gesicht und einen steifen Gang. Feddersen hatte keine Freunde und keine Familie.   

An einem Abend im Dezember verließ er sein Büro pünktlich wie immer um 17 Uhr 30.  Ein stürmischer Ostwind trieb dicke graue Wolkenwände über den Himmel. Es begann zu schneien. Ein dicker Schneeteppich breitete sich auf den Straßen aus. Der trübe Dezembertag wich einer nebligen Nacht.
Nachdem er, wie immer drei Minuten an der Haltestelle gewartet hatte, stieg Feddersen in den Bus der Linie 60, der ihn nach Hause bringen sollte.
Wie es seine Gewohnheit war, wollte er beim einsteigen ein paar Worte mit dem Busfahrer wechseln.
Später konnte er nicht mit Gewissheit sagen, ob damit alles angefangen hatte. Denn an jedem anderen Arbeitstag fuhr Willi Nickmann, sein Nachbar, diesen Bus. Doch heute saß ein alter Mann mit langem weißen Bart und einem von Falten zerfurchten Gesicht am Steuer. Er beachtete Feddersen nicht. Er schien sich ganz auf den Straßenverkehr zu konzentrieren. 
Feddersen machte seinen Mund zu und schluckte heftig. 
Unsicher geworden sah er sich im Bus um. Dann erstarrte er. Sein Platz war besetzt! Seit acht Jahren fuhr er  mit diesem Bus, saß jeden Tag auf diesem Platz…Und nun saß ein alter Mann mit langem weißen Bart und einem zerfurchten Gesicht da. Er hatte einen  grauen verwaschenen Anorak an und las in einer Zeitung.